S/Y VAGANT
Ursel + Friedel Klee
Kurzbericht
Puerto Rico/Las Palmas
im November 1976
Das Ende unserer Zwangspause in La Coruna
begann mit einem Paukenschlag. Der Barograph zeichnete eine steile Kurve
nach unten, so steil wie nie zuvor. Nachts (natürlich) brach das Unwetter
mit derartiger Gewalt los, dass wir uns auf unserem Liegeplatz nicht mehr
halten konnten.
So fuhren wir wieder in den inneren Hafen,
wo er gewiss am dreckigsten, aber auch am ruhigsten war und hängten uns an
eine riesige Verholtonne, was sicher nicht der Hafenordnung entsprach. In
der Nachbarschaft lagen aber schon einige Yachten. Darunter auch eine
französische mit einem hervorragend spanisch sprechenden und schimpfenden
Crewmitglied. Er konnte das Lamento am nächsten Morgen nicht nur mit einem
ebensolchen erfolgreich beantworten (die begleitenden Gesten waren als
Morgengymnastik nicht zu unterschätzen, sondern auch das neueste spanische
Wetter verkünden: stationäres Tief vor Kap Finisterre (also gleich nebenan),
auffüllend, dann südziehend, gefolgt von einer Periode guten Wetters mit
NORD-Winden!!! Übermorgen, so meinte er, kann's losgehen. Fast zu schön, um
wahr zu sein.
Bis "morgen" hielten wir es noch aus. Die
Barographenkurve war steil nach oben geschnellt, ganz unten eine richtige
Spitze hinterlassend. Ein - oder "das" - Tief musste direkt über uns hinweg
gezogen sein. Noch keine gute Basis für einen schnellen Start, besonders,
wenn man sich die Wolken ansah. Gewaltig, grauschwarz mit ganz scharfen
Rändern zogen sie in verschiedenen Richtungen kreuz und quer daher. Richtig
"heroisches" Wetter, wie man es Anfang dieses Jahrhunderts gern gewaltigen
Schlachtengemälden hinterlegte. Aber es war etwas in der Luft, ich weiß
nicht was. Meine Nase meinte jedenfalls: es geht. Und es ging! Wir fuhren
erst mit Maschine direkt in den Brei. Regen, Hagel, Blitze, Donner, Flaute,
Böen bis 7; Richtung abrupt ändernd. Und dann: N O R D ! Wir zogen die Segel
hoch, erst klein, schließlich volle Passatbesegelung mit 2 Genuas und liefen
los. Kap Finisterre, Cap Silleiro, spanisch portugiesische Grenze, die Höhe
von Porto mit einem guten Port gefeiert, Kap Mondego, Kap Silleiro, an
Lissabon vorbei, ein Cap nach dem anderen abgehakt, nicht mehr umgesehen,
bis wir am 4. Tag das großartige Kap Sao Vicente, die äußerste Südwestecke
Europas rundeten. Sein Leuchtfeuer steht auf den wohlerhaltenen Bauten der
ersten Seefahrtsschule der Welt, gegründet von Heinrich dem Seefahrer, der
damit die Grundlage der damaligen portugiesischen Seemacht schuf.
Kurz hinter dem Kap ankerten wir auf der
Reede von Lagos. Stadt und Hafen sind sehr alt, heute aber ohne Bedeutung.
Die Flussmündung, die den Hafer bildet, ist so flach, dass sie nur bei
Hochwasser angelaufen werden kann, Draußen lagen wir aber sehr gut, denn der
Nord stand durch bis - ja bis nach einigen Tagen unser Freund „Jolly“ wieder
zu uns gestoßen war, der uns in L'Aber Wrac´H verlassen musste. Da drehte
Rasmus den Zeiger wieder andersrum. Wir gingen sofort ankerauf, als die
Dünung aus Süd einsetzte, aber dann ging die Bolzerei schon wieder los. Zwei
Tage gegenan als vorläufig abschließenden Denkzettel, bis die vereinten
Windrichtungsprozente des Seehandbuches und der "Monatskarten des
Nordatlantischen Ozeans“ wieder für vorschriftsmäßigen Nordost bis Nord
sorgten. So erreichten wir in 5 Tagen Alegranza, die nördlichste der
Kanarischen Inseln. Sie ist unbewohnt und trägt lt. Seehandbuch einen
Vulkan. Tätig oder nicht stand nicht dabei, aber reingespuckt hatten wir
schon gern einmal. Dafür haben wir dann eine Nacht hinter dem riesigen,
kahlen Lavahaufen vor Anker gerollt, ohne Erfolg, denn die Dünung ließ eine
Landung nicht zu. Hätten wir uns denken können.
So segelten wir dann nicht allzu fleißig in
Tagestörns weiter, die Nachbarinseln entlang. Endlos zogen sich die Sahara-,
Mond- und Marslandschaften von 32 sm Lanzarote und 53 sm Fuertoventura hin,
gefolgt vom 50 sm-Sprung nach Gran Canaria und einem 20 sm-Restchen bis
Puerto Rico. Gemessen an Etmalen auf offener See sind das keine
Entfernungen, die aufzuzählen sich lohnt. Unbewusst empfindet man die
Kanarischen Inseln nun aber einmal als zusammenhängende, eng begrenzte
Feriengegend, die per Reisebüro in wenigen Stunden erreichbar ist. Dorthin
zu segeln erfordert aber, sich mit etwa 2.500 sm Nordsee, Kanal, Biskaya und
Atlantik auseinanderzusetzen. Es ist ein weiter, herrlicher Weg. Wenn aber
Alayranza im Nordosten erreicht wird, sind es noch 80 sm bis nach Hierro im
Südwesten, dem äußersten Ende der vergangenen spanischen Welt. Nach der
Erkenntnis, dass weiter nach Westen zu segeln nicht den Absturz über den Rand
der Welt bedeutete, legte man damals dorthin einen Null-Meridian, wie er
heute durch Greenwich verläuft. Wenn ich recht gehört habe, geht der der
Sowjets inzwischen durch Leningrad - ein Omen?
Wir wollen jedenfalls in den nächsten Tagen
einmal nachsehen, ob vom spanischen Ende der Welt noch etwas da ist. Und
dann geht's raus, auf den Atlantik, wie all die Yachten, die hier jetzt
jeden Tag mit dem Getute aller Nebelhörner verabschiedet werden.
Tschüß
Ursel + Friedel