S/Y VAGANT
Ursel + Friedel Klee
Kurzbericht
Papeete, 7. 8. 1977
Wir meldeten uns zuletzt von Nuku Hiva, einer
Insel im nördlichen Teil der Marquesas, nachdem wir in einer ermüdend langen
Reise den östlichen Pazifik überquert hatten. Der Skipper einer
deutsch-amerikanischen Yacht nebenan wusste, wie einer Crew nach so langer
Zeit auf See zumute ist und lud uns gleich nach dem Ankern zu französischem
Rotwein, Weißbrot und Käse ein - eine wirklich gute Tat!
Wie alle Inseln der Gruppe ist auch Nuku Hiva
schroff und gebirgig, aber über und über von sattem Grün bedeckt. Gespeist
von häufigen Regenfällen, stürzen viele eindrucksvolle Wasserfälle die
steilen Wände hinab. "Die" Straße über die Insel ist nur passierbar, wenn es
einige Tage trocken bleibt. So wurde unser Vorstoß mit dem Motorrad in das
unbewohnte Innere der Insel eine abenteuerliche Expedition.
Mit VAGANT war es einfacher. Wir segelten in
einige abgelegene Buchten und besuchten die Überreste früherer Siedlungen.
Im kaum durchdringlichen Dschungel felsengeschützter Täler fanden wir Reste
befestigter Straßen und viele "Pais Pais", meisterhaft solide gebaute
Steinfundamente der Häuser der früheren Herren der Insel. Es heißt, dass noch
Anfang des vorigen Jahrhunderts 200.000 Menschen auf allen Inseln der
Marquesas lebten. Unter den Zivilisations- und Missionsbemühungen der Weißen
schrumpfte ihre Zahl auf weniger als 2.000 und stieg erst in den letzten
Jahrzehnten wieder über 6.000.
Nachdem wir bei der Einweihung einer neuen
Kirche zum ersten Male den melodischen Gesang der Polynesier gehört hatten,
segelten wir am 30. 6. weiter nach Süden zur Nachbarinsel UA POU. An ihrer
Westküste ankerten wir in einer malerischen Bucht zwischen steilen Felsen
vor einer kleinen Siedlung. Wir fanden saubere Palmhütten, selbstgefertigte
Werkzeuge, Bettzeug, Kochausrüstung, Hund und einige gefährlich aussehende
schwarze Schweine, nur die Menschen fehlten - eigenartig.
Von hier aus brachen wir auf in das Abenteuer
Tuamotus, den "niedrigen Inseln". Auf den Riffen dieser Korallenatolle
gingen schon viele Schiffe und unzählige Yachten verloren. Die Inseln sind
so niedrig, dass sie erst auf wenige Meilen in Sicht kommen, Strom setzt
unregelmäßig, Karten und Handbücher sind nicht genau. Ein amerikanisches
Handbuch für Segler meint deshalb : es ist eine ausgezeichnete Idee, die
Tuamotus zu vermeiden, wenn das Wetter nicht sehr gut ist und der Navigator
sehr erfahren. - Unser Wetter war mäßig, zeitweise bedeckt, Regenböen. Und
Navigationserfahrung? Man muss eben fleißig und genau arbeiten.
So segelten wir knapp 500 sm in 5 Tagen, die
letzte Nacht sehr langsam, um auf keinen Fall im Dunkeln die Riffe zu
erreichen. Pünktlich stiegen am Vormittag Palmenwipfel über die Kimm und
nach einem Versuch, den Luft im Treibstoff Filter vereitelte, segelten und
motorten wir am Mittag des 6. 7. gegen 5-6 Bf. Wind und 5-6 kn Strom durch
den engen Pass in die Lagune des Atolls AHE. Wir kreuzten ganz nach Luv und
ankerten hinter einem besonders geschützten "Motu" (Riffinsel). Glasklares
Wasser, Korallen, bunte Fische, große Krabben, Einsiedlerkrebse, Palmen,
weiße Brandung, kein Zeichen menschlicher Tätigkeit, als Salz in der Suppe
aber Haie. Kleine helle mit schwarzen Flossenspitzen, ca. 1,5 m lange
sandgraue und ein über 2 m langer dunkler, bewohnten das Wasser um uns. Hier
blieben wir eine Woche in völliger Einsamkeit. Nur einmal segelte in einiger
Entfernung eine rote Ketsch mit weißen Aufbauten vorbei. Als wir Bernard
Moitessier später in Tenukupara trafen, dem knapp hundert Menschen starken
Dorf im Süden des Atolls, erzählte er, dass er eigentlich auf unserem Platz
ankern wollte. Aber stören mochte er uns auch nicht. - Des Rummels in
Papeete müde, lebt er jetzt hier mit seiner Frau Helene und Sohn Stefan, 5
Jahre, an Bord seiner "Joshua" und in einem einfachen Haus, das er sich auf
einer kleinen Insel vor dem Dorf gebaut hat.
Die Dorfbewohner nahmen uns auf wie Freunde,
die nach langer Zeit endlich zurückgekommen sind. Gewiss, gelegentlich
kommen Segler hierher. Auch wir blieben jetzt nicht allein. Es waren aber
die "richtigen" Leute, denn Segler müssen ihren weiten Weg hierher unter
Mühe und Gefahr finden. Von ihnen drohen deshalb kaum Gefahren für die
urwüchsige, heitere Lebensart der Menschen hier, die organisierter Tourismus
unvermeidlich mit sich bringt. Noch trägt hier niemand eine Uhr, und Geld
wird nur gebraucht, wenn der Kopra-Schoner kommt. So erlebten wir beinahe
ein einziges Fest: Fast jeden Abend Gesang und Tanz zur Ukulele, der
polynesischen Guitarre, Einladungen zum Essen, Gespräche mit Bernard an Bord
der JOSHUA, Fahrten zum Fischen, Barbecue mit Gesang und Tanz auf der Pier,
fast immer Besuch an Bord, Picnic mit Familie Moitessier und
Vizebürgermeister Neti auf einem benachbarten Motu, verbunden mit dem
Aussetzen von Katzen zur Bekämpfung von Ratten, Kirchgang und Versammlung im
Gemeindehaus mit melodischem polynesischem Gesang, eine Bootstaufe und als
Höhepunkt den alljährlichen Besuch des "Administrateurs", des höchsten
Regierungsbeamten der Tuamotus aus Papeete. Zusammen mit den Crews der
amerikanischen Yacht "SHAULA" und der neuseeländischen "THYME" lud er uns
nach vollbrachtem offiziellem Teil an Bord des Regierungsschiffes "ASTROLABE"
zur Cocktailparty ein und dass wir hinterher alle am Diner in der Mairie
teilnehmen würden, stand außer Frage. Aufregung auf den Schiffen : Die Damen
meinten, in Lang erscheinen zu müssen, also bemühten sich die Herren um
Bügelfalten - Bernard erschien, philosophisch lächelnd, in seinen aus
gefransten Jeans.
Der Abschied von diesem vergessenen kleinen
Paradies fiel uns richtig schwer. Wir hätten nie gedacht, dass es so etwas im
20. Jahrhundert noch gibt. - Nach einer Abschiedsrunde durch das ganze Dorf,
Küßchen links, Küsschen rechts, Muscheln und Muschelketten als Geschenke,
liefen wir am 26. 7. spät nachmittags aus. Mit Schwung durch den Pass und
dann mit langsamer Fahrt durch die Nacht, denn wieder durften wir nicht vor
Sonnenaufgang die nächsten Atolle erreichen. In 12 Stunden nur 40 sm bei
gutem Wind und quersetzendem Strom zu segeln war nicht einfach, aber wieder
stiegen pünktlich Palmen über die Kimm, und schon am frühen Vormittag liefen
wir ohne Schwierigkeiten durch den Tehere-Pass in die Lagune von Apataki ein,
ankerten an scheinbar günstiger Stelle, die sogar als Ankerplatz in der
Karte steht, und machten uns nach all dem anstrengenden Gesellschaftsleben
einen ruhigen Tag.
Bei Sonnenuntergang wurde es plötzlich
bitterernst: Der Wind sprang aus Südsüdwest um und briste auf. Aus dem
Südsee-Idyll wurde mit einem Schlag Leegerwall. Seegang mit 20 sm Anlauf
über die ganze Lagune, Korallenriff im Rücken, Wassertiefe weiter draußen
über 30 m. Es blieb uns keine Wahl. Wir holten den Anker mit großen
Schwierigkeiten aus dem korallenbedeckten Grund und segelten mit Reff und
Fock 1 in die Nacht. Mit Ursel als Ausguck auf dem Bugkorb und laufendem
Echolot kreuzten wir ohne Spezialkarte über die weite Lagune mit unbekannten
Riffen und Untiefen bis ganz nach Luv. Es war Vollmond, so konnten wir
hoffen, Brandung rechtzeitig zu erkennen - eine riskante Sache war es doch.
Nachts um 0.20 fiel unser Anker und ein paar dicke Steine vom Herzen
hinterher.
Unser neuer Ankerplatz war wieder traumhaft
schöne Südsee. Wir blieben 6 Tage, machten Ausflüge an Land, schlugen uns
mit der Machete durch den schmalen Dschungelstreifen, sammelten Muscheln am
Riff und arbeiteten am Boot. Ursel musste leider 3 Tage auf Koje bleiben, um
Magenkrämpfe und Durchfall auszukurieren, Krankheiten, die einem in den
Tropen leicht einmal erwischen. Leider drängte nun die Zeit ein wenig, denn
vor Beginn der Hurricane-Saison im November wollen wir in Australien sein
und vorher noch Samoa, Fidji und Tonga besuchen. Sobald es Ursel wieder
besser ging, segelten wir deshalb weiter, koppelten uns in einer finsteren
Regennacht an den letzten Riffen der Tuamotus vorbei und liefen am 3. 8. -
natürlich wieder einmal bei Nacht - Papeete an.
Bisher gesegelt 12.280
sm
Nuku Hiva - Tuamotus -
Papeete
975 sm
Gesamt
13.255 sm
Tschüß
Ursel + Friedel