S/Y VAGANT
Ursel + Friedel Klee
Kurzbericht
Pago Pago, 27. 9. 1977
Unser
Besuch in Papeete, der Hauptstadt der "Polynesie Francaise", begann mit dem
Einklarieren. Schlange stehen in 3 Büros, mehrere Quadratmeter Formulare
ausfüllen, unzählige Unterschriften leisten, seltsame Fragen beantworten -
ein Lehrstück perfekter Bürokratie. Die Beamten waren allerdings freundlich
und hilfsbereit.
Dann gingen
wir an die Arbeit, denn unser erster Besuch in der Zivilisation seit Panama
diente nicht touristischem Vergnügen. Die Wasserpumpe unseres Motors war
undicht geworden und hatte den Motorraum gründlich durchfeuchtet. Das bekam
der Elektrik, besonders aber dem Anlasser, gar nicht. Durch einen
Kurzschluss
entlud er unsere Batterien. Wir bemerkten das schon unterwegs, konnten aber
nicht mehr tun, als alles ausgeschaltet zu lassen, denn auch die
Lichtmaschine mochte nicht mehr recht laden. Noch dazu hatte man uns in Nuku
Hiva unter recht merkwürdigen Umständen keinen Brennstoff verkauft. Unser
Bestand war so klein, dass wir den Motor nur noch in ganz seltenen
Ausnahmesituationen kurze Zeit laufen lassen konnten. Unser Schleppgenerator
"Wattas" tat, was er konnte, aber nicht immer reichte die Fahrt für ihn.
In Papeete
transportierten wir die Batterien einzeln mit dem Motorrad zum chinesischen
Batteriehändler. Sein Urteil: Die sind hin, Sie müssen neue kaufen. Dachte
er wohl. Mit Hilfe Pierres, eines amerikanischen Universalgenies,
reparierten wir alles Nötige und ließen die Batterien noch mal laden, so
lange, wie es die Geduld Yune Tongs eben zuließ - und siehe da: Die guten "Varta's"
erholten sich!
So
vergingen 14 Tage voller Arbeit. Demontieren, Teile in der Stadt auftreiben,
beinahe Passendes passend machen, wieder zusammenbauen, ausprobieren.
Johnson Außenbordmotor überholen. Das Nötigste an Verpflegung zu Preisen
kaufen, zu denen uns ein gut bürgerliches Restaurant in Deutschland das
gleiche fertig zugerichtet servieren würde. - Von der Stadt und ihren
Menschen erlebten wir bei alledem genug. Den Appetit auf Papeete's
vielgerühmtes Nachtleben verdarb uns der Schock, am hellichten Tage für ein
kleines Glas Limonade umgerechnet DM 3 bezahlen zu müssen und dann noch von
Freund Bill gesagt zu bekommen, da seien wir wohl an einen billigen Platz
geraten. So beschränkte sich der Tourismus auf eine Sonntagsrunde mit dem
Motorrad um Tahiti, gewürzt durch hinterher pfeifende Polizei, die sicher
gern unsere fehlende Zulassung gesehen hätte. Aber die Ohren werden mit dem
zunehmenden Alter ja auch nicht besser, und der nächste Wald mit Blick auf
das Meer lud sowieso gerade zu einer diskreten Pause ein . . .
Nach
umständlichem Ausklarieren segelten wir am 19. 8. weiter nach Moorea und
ankerten in der Opunohu Bay, dem berühmten "Tal der Tränen", wie es die
Eingeborenen wegen seiner etwas düsteren Stimmung nennen. Hohe Berge lassen
die Sonne erst spät in die Bucht. Das Wasser glänzt dunkel, die tropische
Vegetation am Ufer geht über in felsigen Hintergrund mit bizarr spitzen
Gipfeln, die zeitweise in den Wolken hängen. Hier blieben wir einige Tage,
fuhren mit
dem Motorrad um die Insel, gerieten in eine Hochzeit, besuchten alte
polynesische Heiligtümer, klauten Pampelmusen von einem Baum am Ufer und
holten unter schwierigen Bedingungen (mit dem Dinghy einen Fluss hinauf)
Treibstoff aus der nicht minder berühmten aber mehr bewohnten Nachbarbucht,
der "Cook's Bay".
Mit Tahiti
und Moorea lernten wir eine neue Art Inseln kennen: hohe Vulkanberge, die
rings von einem Riff umgeben sind. Hinein gelangt man durch Pässe, wie in
den Tuamotos. Die schmale Lagune zwischen Riff und Felsen ist fast überall
sehr tief. 20-40 Meter sind die Regel, jäh bis knapp unter die
Wasseroberfläche ansteigende Korallentürme aber ebenso. Unsere nächsten
Ziele in den "Iles de la Societe" waren Inseln gleichen Typs. In eineinhalb
Tagen segelten wir nach Huahine, 16° 45' Süd, 151° West, ankerten in einer
stillen, ringsum abgeschlossenen Bucht, segelten einen Tagestörn weiter zu
den von einem gemeinsamen Riff eingeschlossenen Inseln Raiatea und Tahaa,
16° 40' Süd, 151° 30' West, übten in der schmalen Lagune fröhliches
Fahrtensegeln zwischen Korallenstöcken, ankerten eine Nacht in einer tiefen
Schlucht auf 30 m Wasser, besuchten 25 sm weiter auf Bora Bora, 16° 30' S,
151° 44' W, das Grab des berühmten ersten französischen Einhandseglers Alain
Gerbault und ließen uns für einige Tage in der Lagune hinter einer kleinen
Insel in einer stillen Bucht nieder, weit von der Hauptinsel, wo der Club
Mediterranee geschickt Südsee verkauft.
Bora Bora
nimmt für sich in Anspruch, die schönste Insel der Welt zu sein. Wenn das so
ist, fehlt uns ein passender Superlativ für Maupiti, 16° 28' S, 152° 16' W,
25 sm weiter westlich. Ein markanter Vulkan, umgeben von einem weiten
Ringriff, kaum Touristen, nicht einmal Segler . . .
Als letzte
der Iles de la Societe wollten wir Maupihaa-Mopelia 16° 50' S, 154° W
anlaufen, ein niedriges Korallenatoll 100 sm weiter westlich. Es liegt so
weit abseits, dass selbst die geschäftstüchtigen Kapitäne der Kopraboote nur
selten dorthin fahren. Der Pass in die Lagune ist schwierig. Direkt neben ihm
verlor Graf Luckner im ersten Weltkrieg sein Schiff durch einen Tsunami
(Riesensee durch Seebeben).
Wir
schafften es nicht, in die Lagune zu gelangen. Die gewaltige Brandung einer
alten hohen Dünung aus Süd deckte den knapp 20 m breiten Pass einfach zu,
starker Strom stand aus der Lagune, quer dazu draußen der Passatstrom - ein
Hexenkessel. Auf dem Riff an Backbord rostete das Wrack eines kleinen
Schiffes, vielleicht eines Koprabootes. An Steuerbord, kaum erkennbar, lagen
letzte Reste eines großen genieteten Schiffes. Sie stammen von Luckners
Hilfskreuzer, dem letzten Kriegsschiff unter Segeln. Wir gaben auf und
gingen auf Nordwestkurs.
Der Weg zu
unserem nächsten Ziel, der weit abgelegenen Insel Suvorow, 13° 20' S, 163°
10' W, machte uns zu schaffen. Der 580 sm-Törn begann ganz normal. Mit einem
kleinen Bogen nach West vermieden wir Scilly Island, ein niedriges Atoll,
das Handbuch und Seekarte als sehr gefährlich bezeichnen. Am späten
Vormittag des 3. 9. bezog sich der Himmel von Westen her. Es begann zu
regnen und flaute ab. Um 16.30 Uhr MOZ schlug Rasmus zu: in einer knappen
halben Stunde brieste es auf 28-30 m/s, also etwa Beaufort 11 auf. Die See
folgte im Laufe der nächsten Stunden bis auf etwa 6. Wir ließen uns ohne
Segel treiben, brachten Leinen gegen. Brecher aus, belegten die Pinne mit
etwas Lose und schlossen alle Luken. Schwere Brecher kamen nicht über, das
Boot war allerdings in fliegenden Gischt gehüllt. Sogar den Spalt zwischen
Steckschott und Schiebeluke mussten wir verstopfen, weil sonst Wasserstaub
eindrang. Vagant trieb ruhig. Am nächsten Morgen flaute der Wind auf 7-6 ab,
und wir konnten wieder eine Sturmfock setzen. Mittags wurde es wieder handig.
Mit
wechselnden Winden erreichten wir schließlich Suvorow und segelten nach den
Kopien von Bernard's (Anm.: Bernhard Moitessier ist der berühmteste Segler
der Welt) Karten und Plänen in die Lagune. Wir ankerten hinter
einem Motu im Osten Heimat unzähliger geschwätziger Seevögel, nicht weit vom
Wrack eines koreanischen Fischtrawlers. Das Schiff liegt mit aufgerissenem
Boden platt auf seiner Backbordseite fast 200 m binnenwärts der
Riffaußenkante. Es muss bei Hochwasser aufgelaufen sein, denn dann läuft die
gewaltige Brandung dort ganz über das Riff - ein grausiges Bild zum
Nachdenken.
Hier
blieben wir eine Woche, wieder in völliger Einsamkeit. Wir besuchten das
Wrack, erkundeten "unser" Motu und das Riff, suchten Muscheln, arbeiteten
am Boot und machten einfach mal Pause. Viele Haie unter uns machten
Schnorchelexpeditionen recht spannend.
Zum
Abschluss besuchten wir auf dem Motu "Anchorage" die verlassene Niederlassung
Tom Neale's, eines neuseeländischen Originals, der als Einsiedler viele
Jahre dort lebte. - 460 sm weiter kehrten wir in die Zivilisation zurück.
Wir erreichten Pago Pago, 14° 16' S, 170° 40' W,
die
Hauptstadt American Samoa's auf Tuitila.
Bisher
gesegelt 13.255 sm
Papeete, versch. Inseln Suvorow 873 sm
Suvorow - Pago
Pago 460 sm
Gesamt 14.588 sm
Tschüß
Ursel + Friedel