In den Unterlagen fand ich
die nachfolgenden Leserbriefe aus dem "Flensburger Tageblatt" von 1979 (nach
der ersten Weltumseglung)
Weltumsegler
Am 20.8. erschien in dieser Zeitung ein "Jubelbericht" darüber, daß ein
Ehepaar "drei Jahre um die Welt gesegelt" ist. Wie mag wohl einem Tag für
Tag arbeitenden Menschen, einem Arbeitslosen, oder gar einem Kleinrentner
zumute sein, wenn sie so etwas lesen und sehen, Leuten also, über die niemand
schreibt. Deren einzige Frage wäre wohl: Woher haben diese Weltumsegler" das
Geld für ihre Eskapaden. Solche Herrschaften sollte man totschweigen, ihrer
monetären Selbstbefriedigung überlassen und nicht noch beweihräuchern. Die
Veröffentlichung dieser Angelegenheit war m. E. geschmacklos und - wieder
einmal - Munition für die andere Seite.
H. Bühmann, Langballig
Die
Weltumsegler
Zu dem Leserbrief über "Weltumsegler" in der Ausgabe vom 23.8.1979:
Die Dinge liegen natürlich völlig anderes, als Leser Bühmann, Langballig,
glaubt annehmen zu müssen. Zufällig kenne ich das Ehepaar Klee seit
Jahrzehnten. Fr. Klee ist Angestellter der Bootswerft Dehler, die so
bekannte Typen wie "Varianta", "Delanta" und "Optima" herstellt. Mit dem
größten Typ, der "Optima" (9 m lang), haben die Klees nun gleichsam als
harten Eroberungstest eine Weltumseglung durchgeführt. Welche Energie,
Kondition, welch Leistungs- und Durchhaltewillen für einen Mann vom Alter
Klees (57 J.) dazu nötig sind, müßte Herr Bühmann als Küstenbewohner
eigentlich bekannt sein. Die Reise erfolgte sicherlich im Auftrag der
Dehler-Werft, die natürlich an solch einer langen und harten Testfahrt
interessiert ist.
Aber selbst wenn es andres wäre, in
unserer noch freien Gesellschaftsordnung muß es jedem selbst überlassen
bleiben, wie und was er mit seiner Zeit macht! Auch in den Ostblockstaaten
gibt es Weltumsegler, die jedoch mit staatseigenen Jachten zum Ruhme ihrer
Vaterländer diese Fahrten durchführen.
Dr. A. Lambardt,
Unna (Westf.)
Die Weltumsegler
Über den Leserbrief des Herrn Bühmann, Langballig (Ausgabe vom 23.8.), zu
den Berichten über unsere Weltumseglung wundern wir uns kaum, denn einige
Zeitungen berichten falsch, und er kann nicht wissen, daß uns der Rummel
recht peinlich war. Uns tröstet nur, daß offenbar eine Menge Leute Spaß
daran hatten.
Um die
Welt zu segeln, ist weder eine Sensation noch eine "Leistung", wie man sie
in Deutschland versteht, sondern einfach herrlich. Uns ganz unmittelbar mit
der Natur auseinanderzusetzen und fremde Länder mit ihren Menschen als Gast
sozusagen "zu Fuß" erleben zu dürfen, hat uns, so hoffen wir, bescheidener,
dankbarer und toleranter gemacht. Wir haben freilich auch erlebt, daß man
sich in den weitaus meisten Ländern mit den Problemen, die dem
Leserbriefschreiber so sehr am Herzen liegen, auch nicht annährend soviel
Mühe macht wie hier; von ein paar "primitiven" Völkern abgesehen, die wir
Weißen noch nicht allzu sehr durcheinander gebracht haben.
Im übrigen haben wir beide hart gearbeitet, viele
Jahre lang gespart (was immer auch eine große Wochenzeitung darüber schrieb)
und kein Haus gebaut, wie es deutsche Tugend wohl erfordern mag; Zweitwagen,
Juwelen, Pelzmäntel und dergleichen brauchen wir nicht.
"Niedriger hängen!" soll der Alte Fritz gesagt
haben, als ein gegen ihn gerichtetes Pamphlet für bequemes, allgemeines
Lesen zu hoch hing.
Ursel und Friedel Klee, Freienohl
Fader Geschmack
Es wäre schade, wenn der Leserbrief "Weltumsegler" ohne ein Echo zu
hinterlassen, verklingen würde. Als Berufsseemann fühle ich mich einer der
angesprochenen Gruppen zugehörig und bin Herrn Bühmann für seine
Überlegungen sehr dankbar. Mit mir sind auch alle anderen Kapitäne meines
Berufes sehr stolz darauf, daß wir unsere seemännische Ausbildung für den
Besuch der Navigationsschulen durch Ableistung der geforderten
Segelschiffahrtszeiten unter sehr schweren Bedingungen erwarben. Meine
Ausbildung begann im Jahr 1911, vier Jahre lang auf Tiefwasserseglern. Im
Jahre 1913 musterte ich - noch sehr jung - als vollwertiger (A-B) (Ä-Bi) = (abelbodied)
= Vollmatrose auf einer Viermastbark mit einer mixed crew - Mannschaft
vieler Nationen , Kommandosprache daher nur in englisch.
Die Fahrt mit Kohlen ging von Antwerpen via
Cardiff-England nach der Westküste Südamerikas. Rückfracht eine Ladung
Salpeter.
Die
westliche Umrundung von Kap Hoorn, der Südspitze Südamerikas, forderte der
gesamten Besatzung auch das Letzte an Willenskraft ab. Schwere aufeinander
folgende Orkane trieben uns, im Bemühen West gutzumachen, bis in die Nähe
der Südpolareisgrenze. (Hier Hochsommer, dort tiefster Winter). Endlich nach
sechs Wochen Kampf konnten wir Nordkurs halten, um in sanftere Gefilde zu
kommen.
Diese
Erfahrungen berechtigen mich wohl, einige Worte zu den "Jubelberichten" zu
sagen. - Beim Lesen dieser stieg in mir ein fader Geschmack auf, und ich
bekam Hemmungen, mit Laien über meine Seefahrerzeit zu sprechen, um nicht
als Angeber dazustehen.
Ein Orkan, zu richtiger Zeit am richtigen Ort,
fegt im Nu ohne Ansehen der Person, des Geldsackes und der Reklamesucht die
Spreu von der Wasseroberfläche. Und welche ungeheuren Anstrengungen müssen
dann gemacht werden, um die restliche Spreu einzusammeln. Um zu ermessen,
welche ungeheuren Opfer der beruflichen Schifffahrt auf allen Meeren
abgefordert wurden, kann ich allen zweifelnden Laien das Buch "Ehrenmal
deutscher Seeleute", herausgegeben von der Seeberufsgenossenschaft, oder
noch besser das in englischer Sprache geschriebene Buch "The War of Cap
Hoorn" von A. Villiers empfehlen. (Unklar ist mir, wie ein Jachtsegler bei
Orkan eine Wellenhöhe von 15 Metern - wie im Rundfunk berichtet, messen
kann.)
Bruno Heise; Flensburg
.
Leserzuschrift "Fader Geschmack"
Guten Tag Herr Kapitän Heise,
schade, daß wir Ihre Zuschrift nicht früher gelesen haben, dem Ihnen zu
antworten, ist uns wichtig, weil wir die Einstellung vieler Berufs-Seeleute
zu Fahrten mit kleinen Booten über See kennen. Vieler - aber nicht aller;
unsere Freunde in Ihrem Beruf wissen sehr wohl zu unterscheiden. Wer sich im
Kreise der Fahrtensegler oder "Yachties" . ("Hochseesegler" und ähnliche
hochgestochene Bezeichnungen klingen für uns eher ironisch) auch nur ein
wenig auskennt, weiß, daß die Meisten sehr bescheidene Leute sind, die hohe
Achtung vor der Natur haben und einen Heidenrespekt vor der See; "Rekord-
und Reklamesucht" sind ihnen ein Greuel. Und: sie kennen ihr Metier wie Sie
Ihres.
Bitte glauben Sie uns: die Leute, die wir meinen, und zu denen wir uns
vielleicht zählen dürfen, fahren nicht einfach drauflos, denn für sie
besitzt ein guter Seemann immer noch 10% Wissen, 89% Erfahrung und nur 1%
Wagemut. Die Boote sind zwar sehr verschieden, aber meist praktisch und gut
ausgerüstet und - wie Erfahrungen zeigen - auf ihre Art seetüchtiger als
mancher billige Seefahrt treibender Rosteimer. Sie nutzen die gesammelten
Erfahrungen vieler Generationen segelnder Seeleute ebenso, wie
Beobachtungsergebnisse moderner Satelliten, sie navigieren - meist ohne
elektronische Krücken - mindestens so genau wie früher, bestimmt aber
schneller und einfacher. Sie kennen die Leistungen und Entbehrungen der
Seeleute früherer Generationen, soweit das aus Büchern nur möglich ist. Sie
bewundern sie als Vorbilder - sind aber dankbar für sinnvollen Fortschritt,
den es früher ja schließlich auch gab, denn er erspart ihnen viele Härten
und Entbehrungen.
Den "Orkan zur richtigen Zeit am richtigen Ort" sollte es deshalb für
einen modernen Ozeansegler nicht geben, denn er kennt genügend Informationen
über Häufigkeit, Zugbahnen und die Notwendigkeit, bestimmte Gebiete zu
bestimmten Zeiten zu meiden. Er richtet sich danach, denn seinen Fahrplan
bestimmt die Natur, nicht eine Reederei.
Ein Orkan zur falschen Zeit am falschen Ort aber fegt oft nicht nur die
Spreu von der See. Diese Spreu kommt sogar nicht selten besser davon, als
manches Schiff höchster Seetüchtigkeitsklasse, eben weil sie leicht
und klein ist.
Im übrigen können wir weder über '"Orkane mit 15 m Wellenhöhe" berichten,
noch über die Yacht-Tragödie im Atlantik vor der irischen See urteilen, denn
die Einstellung der Hochsee-Rennsegler zur See und ihre Art, darauf
herumzufahren, ist uns fremd.
Bitte glauben Sie uns das, Herr Kapitän, und spülen Sie Ihren faden
Geschmack diesmal mit einem anständigen Schluck runter.
Mit freundlichem Gruß
U. + F. Klee