S/Y VAGANT
Ursel + Friedel Klee
Kurzbericht
Nun sind
wir schon 4 Wochen unterwegs, und mancher wird sich besorgt fragen, wo die
beiden Klee's denn jetzt wohl stecken mögen. dass wir hier sind, wird
beruhigen und enttäuschen zugleich; schließlich wollten wir uns jetzt
eigentlich schon längst auf den
Kanarischen Inseln in der Sonne aalen. Es kam aber eben vieles ganz anders,
als gedacht.
Unseren
Aufbruch auf Anfang Oktober zu verschieben, war leichtfertig. Ein schwerer
Fehler, für den wir jetzt bezahlen müssen. Die Biscaya zeigte sich von ihrer
schlimmsten Seite. Bei unseren Planungen hatten wir eigentlich nur die
Gefahren des Kanals ernsthaft berücksichtigt und gehofft, die Biscaya in
einem weiten Schlag nach Westen in den Atlantik umsegeln zu können, so wie
es Segelschiffe von je her taten.
Wir
segelten also am 2.10. von Boulogne los und gelangten mit sehr wechselhaftem
Wetter - sogar ein Tag Flaute unter Motor war dabei in Etappen über
Cherbourg bis L´AberWrac'H. Das ist eine Flussmündung an der Nordküste der
Bretagne, über Land 26 km von Brest entfernt. Brest selbst kam nicht
infrage, denn über See liegt es "um die
Ecke", an dem seit je gefürchteten Bereich der Insel Quessant (engl. Ushant)
vorbei. Zur gleichen Gegend gehören auch die Isles des Saintes, an denen
während unserer Orkan-Wartewoche ein DDR-Schiff scheiterte.
Im
zweifelhaften Schutz vorgelagerter Klippen, lagen wir dann bis zum 17.10.,
gebeutelt vom Strom und Wind in Orkanstärke. Am 17. stieg das Barometer
wieder einmal und im Radio blieb die stereotype Sturmwarnung für die Biscaya
aus. Nur 6-7. So liefen wir aus. Rein in die nächsten Sturmperioden, von
denen uns der Flugplatz-Wetterdienst Le Conquet bei Brest trotz
ausführlicher Sonderberatung vorher auch nicht sagen konnte. Wir knüppelten
uns frei von Land erst mal nach West - Südwest. Der Morgen-"Shipping-Report"
der BBC, kündete dann wieder Windstärken bis 9 an. Und so kam es dann auch.
Bis zum 20. mussten wir uns damit auseinandersetzen. Erstes, zweites,
drittes Reff, Fock, Sturmfock, beidrehen mit und ohne Segel, wildes Bolzen
gegenan, mühsames Greifen jedes Kompassgrades Höhe nach Westen,
Wassereinbruch, Pumpen, Ausfall aller Radios, keine Funkortung, keine Sonne
für die Navigation, zwischendurch Sumlog unbemerkt ausgefallen. Am 21. hatte
unser kleines Handfunkpeilgerät "Seafix" ein Einsehen und lieferte uns
endlich ein paar brauchbare Peilungen. Am Vormittag des 22.10. konnten wir
dann endlich ein einer kleinen Bucht an Spanien's Nordküste einigermaßen
geschützt ankern.
Wir standen
besser a1s gefürchtet, aber immer noch ein gutes Stück in der Biscaya. So
segelten wir in kurzen Sprüngen zwischen Böen und echten Stürmen weiter nach
Westen, eine gigantische Felsenküste entlang. ,Seegang und Dünung waren noch
immer gewaltig.
In einem
kleinen Fischerhafen gerieten wir dadurch in ernste Schwierigkeiten.
Wirklich geschützt ist hier keine noch so verzweigte Bucht. So gerieten wir
beim Bergen eines unklar gekommenen Ankers (bei 3 von 4 Ankermanövern
bekamen wir das Eisen nur mit Tricks wieder hoch) mit einem Fischkutter
zusammen: 3 Relingsstützen verbogen, 1 Relingsstütze ",abgebrochen, Bugkorb
stark verbogen, Schrammen an der Außenhaut, Leine im Propeller (freigetaucht).
Die nächste
Etappe führte uns nach hier: Wir reparieren fleißig und versuchen während
der Sturm- und Regenpausen unsere Sachen zu trocknen. In der letzten Nacht
mussten wir bei satten 9 wieder einmal unseren Liegeplatz ändern, weil wir
dort, wo wir waren,
in
Schwierigkeiten zu geraten drohten, denn auch der recht große Hafen dieser
Stadt ist nicht vollkommen sicher.
Cabo
Finisterre, die Westecke der Biscaya, das wir bislang nur als beiläufig zu
passierenden Punkt angesehen hatten, ist unser nächstes, ernst zu nehmendes
Ziel. Etwas weiter südlich können wir dann endlich mit günstigerem Wetter
rechnen.
Alle, mit
denen wir bisher über das Wetter sprachen, Fischer, Ortsansässige in
Frankreich wie in Spanien, sagten übereinstimmend, dass solches Wetter für
diese Jahreszeit zwar nicht ungewöhnlich sei, ganz außergewöhnlich jedoch
dessen Härte, Dauer und früher Beginn in diesem Jahr. So müssen wir wohl
warten, bis es kälter und ruhiger wird.
Bleibt die
Frage, ob denn gar nichts Positives zu berichten ist. An erster Stelle
gewiss, dass unser Vertrauen zum Schiff während dieser schweren Zeit nur
gestiegen ist. Wir haben schlechtes Wetter von einer Härte und Dauer erlebt,
wie nie zuvor. Gesteuert von der hervorragenden Selbststeueranlage
'“Schwing-Pilot", brauchten wir kaum einmal an Deck, das während der
Perioden stärksten Windes (in Böen bis 26 m/s gemessen) fast ständig
überwaschen war. Mehrfach deckten uns richtige Brecher ein, die Vagant fast
auf die Seite legten, durch die durchsichtigen Deckslukendeckel konnten wir
manchmal grünes Wasser sehen. Vagant blieb bei alledem noch immer
verhältnismäßig ruhig. Ich weiß nicht, wie ich das anders und genauer
ausdrücken soll. Das Schiff ruckte nicht, knallte kaum, sondern setzte sehr
weich ein, beigedreht. Aber auch beim Segeln konnten wir oft stundenlang
schlafen. Auch warmes Essen kam immer in die Becher (auf den Tisch, wäre ein
bisschen zuviel verlangt gewesen) auch bei sehr grobem Seegang lief das Boot
noch immer hervorragend Höhe, mit der die Leeküsten viel von ihrem Schrecken
verlieren.
All dies
sagen wir wirklich unabhängig von unserer Dehler-Verbundenheit, denn dafür
können wir uns hier und jetzt nichts kaufen. Das sei's für heute. Wir bitten
um Verständnis dafür, dass wir nicht jeden einzelnen anschreiben, denn dafür
haben wir einfach weder Zeit noch Ruhe, denn unser Boot fordert auch im
Hafen sein Recht. Durch den - wenn auch etwas anonymen - Umweg über Dehler
Yachtbau, können wir aber immerhin etwas ausführlicher berichten.
Unsere
nächste Anschrift muss nach wie vor S/Y VAGANT, Poste Cestante, Puerto Cruz,
Gran Canaria, bleiben, denn unsere nächsten Zwischenstationen können wir
noch nicht absehen. Es möge sich aber niemand Sorgen machen.
Unsere
Ohren und die des Schiffes - sind ziemlich steif.
gez. Ursel
+ Friedel Klee.