Sitka, Alaska, August 2000

Lang ist´s her, seit ich mich zuletzt gemeldet habe,
aber einmal will ich es nun doch noch tun:
(Anmerkung: Der nun folgende, in kursiver Schrift
gehaltene Text ist deckungsgleich mit dem Brief vom August 1999!
Wahrscheinlich wollte Klee vor seinem neuen Bericht noch einmal auf die
Verhältnisse und seine Gemütsverfassung in der Zeit nach Ursels Tod und nun
so ganz allein in Bellingham, eingehen.)
Es hat mich zutiefst bewegt, wie Viele mir aus
Deutschland und aller Welt geschrieben haben, auch ohne dass sie von mir die
Nachricht vom Tode meiner Ursel erhalten hatten. Das war überhaupt sehr
schwierig, denn ausgerechnet in den Tagen versagte unsere kleiner
Anschriften-Computer.
Nach schier endloser Zeit in Deutschland voller Arbeit
und Probleme ohne Ende, einer allzu kurzen reise durch das noch winterkalte
Land und unwürdigen Schwierigkeiten mit Ursels Urne, bin ich am 15.6. nach
Hause geflogen, zu VAGANT. Nun läuft das Schwerste, mich einzurichten für
ein Leben ohne Ursel.
Da dürfen noch lange nur praktische Überlegungen und
Zwänge gelten. Die viele unerledigte Post ist aber keinesfalls vergessen.
Ich kann einfach noch nicht so antworten, wie ich es gerne möchte. Bald.
Bestimmt!
Leider bin ich immer noch in Bellingham. Die Stadt ist
so lang hingestreut, daß es eine armselige Kreatur wie ich, die ohne Auto,
Telefon und Computer vor sich hin vegetiert schwer hat, überhaupt etwas zu
erledigen. Das nächste Einkaufszentrum „The Mall“ mit seinen Mammutläden
liegt zwar nur 10 Autominuten nebenan, für mein Klappfahrrad, zur Hälfte von
einer frisch erneuerten Hüfte betrieben, aber kaum näher als Deutschland.
Dort gibt es natürlich ALLES und noch mehr, sogar Lebensmittel und Feinkost
einer Auswahl, die schon fast die Hälfte einer kleinen REWE-Filiale
zuhause an der Ecke erreicht. Hier draußen könnte man glatt verhungern.
Trotzdem habe ich weder Lust noch Grund zum Meckern.
Als ich Ursels Sachen zusammengekramt hatte, um sie sinnvoll weg zu geben,
sackte ich erst einmal auf einen Tiefpunkt, an dem ich mir kaum noch
vorstellen konnte, wie es weiter gehen sollte. Doch dann wandte ich mich
wegen diesen Sachen an eine stattliche Einrichtung zur Betreuung von
Obdachlosen und Asozialen. Dort erkannten sie mich sofort als Fall, der
nicht nur das Anlegen einer Akte erforderte.
Seitdem kommt doch wenigstens einmal die Woche die eine
oder andere charmante aber fachkundige Dame vorbei, um nachzuschauen, wie es
mir geht, ja sogar zu prüfen, welche stattlichen Hilfen mir vielleicht
zustehen könnten und erstaunt bedauernd, daß ich keine brauche; schließlich
lebe ich hier ja unter Slum-Bedingungen.
Doch schon die routinierten aber einfühlsamen Gespräche
helfen und Christine, Seglerin und Leiterin dieses staatlichen Versuchs
einfacher Menschlichkeit hatte wohl den besten Gedanken: sie setzte eine
Patenfamilie auf mich an, freiwillige Helfer, eine Lehrerfamilie mit 2
Töchtern, Segler. Er, Delayne, ist sogar schon zweimal nach Hawaii gesegelt,
einmal davon sogar Einhand.
Die sind richtig lieb zu mir. Einkaufsfahrten,
Arztbesuche und technische Expeditionen mit Dads verstaubtem Pickup, Pams
300er Mercedes Turbo-Diesel, Tochter Dels verbeultem VW oder Töchterchen
Gels gelbem 57er Chevy in antikem Toppzustand. Schon soviel selbstbewusste
Weiblichkeit und strahlende Jugend neben mir helfen meinem Greisenwackelkopf
um mindestens 20 Grad höher. So viel Charme, Bein, Busen . . . Lachen . . .
und so . . .
So schaffte ich zwischendurch nur eine kleine
Osmose-Behandlung mit großer Antifouling-Schmiererei hinterher und unter
Decke nehme ich immer noch unser Schiffchen ,mit seinen unzähligen
Besonderheiten gaaanz langsam und gründlich in Besitz. Das schafft natürlich
zunächst einmal eine formidable Unordnung, regelrechten „Zustand“. Ursel ist
allgegenwärtig und doch nicht da. Manchmal wundere ich mich weinend und
lachend zugleich über die für mich allzu weibliche aber praktisch
funktionierende Logik ihrer ausführlichen Bestands- und Staulisten. Dann
spüre ich sie besonders nah, lächelnd, „das war ich. Nun mach Du mal schön .
. .“
Ab hier nun neu:
Irgendwann konnte ich endlich auslaufen, Kurs
Vancouver; eine ruhige Reise voller Erinnerungen bei kühlem Sommerwetter.
Kaum hing VAGANT an einer der allerletzten freien Stellen im False-Creek,
als auch schon eine Barkasse erschien, die schwere Bojen mit wackeligen
Schildern "Private - No Mooring" dazulegte. Auch dort wird unsere Welt immer
enger.
Ursels Urne war da, fand ihren Platz am Stb.-Niedergang
und VAGANTS-Flagge hing nach altem Brauch auf halbstocks.
Nun war endlich Gelegenheit für eine Menge
Überholungsarbeiten, Reparaturen und Neuausrüstungen. Seltsam war dabei,
dass - genau wie vorher - nichts auf Anhieb klappte; man konnte
abergläubisch werden, zumal auch noch mein Klappfahrrad geklaut wurde,
federleicht aus Alu, auf vielen Inseln gebraucht, nie angeschlossen, weil
seine ungewöhnliche Form "eigentlich" nicht zum Klauen einlud. Erst in
diesem eher biederen Vancouver interessierte sich jemand dafür und das auch
noch gerade zu der Zeit. Na ja, Vancouvers Busverkehr ist dicht und Laufen
gesund; nur die neue Hüfte hatte das noch nicht so gern.
Seine eigene Bildunterschrift: Böse Zeiten ....
Auch menschlich konnte ich mich bald wieder einordnen,
diesmal ganz unten. Mein Ankernachbar war Luis, ein pfiffiger Franzose mit
seinem uralten Schoner. Er kannte alle möglichen Schliche, Tricks und Wege
drum herum und dran vorbei. Also war ich bald für einen Dollar (DM
1,30) Jahresbeitrag berechtigt, ohne weitere Kosten in seiner öffentlichen
Einrichtung für Obdachlose, Drogensüchtige und Asoziale zu duschen, meine
Wäsche waschen zu lassen und billig zu essen. Nur als ich mit einem
kostenlosen Haarschnitt dran war, hatte sich die vietnamesische Friseuse
gerade mal wieder auf den Strich abgesetzt.
Nach heimischem Verständnis konnte man sagen, "so tief
ist der gesunken". Es geht aber noch tiefer - und zugleich hoch über solch
ländliche Maßstäbe hinaus.
Im August starb nach langem Kampf unser Freund Heiner
Plinke; eine lange, bittere Geschichte für sich. Alle um ihn wußten schon
lange vorher, wie es um ihn stand und er ohne Zweifel auch. Um so mehr freue
ich mich, daß wir beim allerletzten Abschied in einer seiner Werkhallen, wo
er gerade an einer Blechbiegemaschine ein Teil für sein Boot machte, noch
einmal kurz miteinander lachen konnten. Die verspätete Todesnachricht las
ich in dem Asyl in Gesellschaft überflüssiger Menschen, Straßentypen der
Großstadt. Ausgerechnet die versuchten, mich ganz lieb zu trösten, als mir
beim lesen die Tränen kamen. Und dann mußte ich diesem "Abfall" erzählen,
was und wer und wie dieser Kumpel Heiner irgendwo im fernen deutschen
Wunderlande war, mit eigener Kraft etwas wurde und auch noch etwas mehr - zu
dem Preis, zu spät zu erkennen, was Leben auch sonst noch bedeuten kann. Mit
einem Mal konnte ich auch wieder ganz fröhlich von Ursel und unserem Leben
sprechen. Die rauen Brüder verabschiedeten sich mit Handschlag. Eine
menschliche Erfahrung ohnegleichen - na ja, eigentlich hatte ich die
Burschen ja vielleicht auch losschicken können, mein Fahrrad zu finden.
Im Februar 2000 konnte ich endlich auslaufen. Es war
befreiend, endlich wieder nur die See und die wilde, freie Natur dieser
Weltgegend so voller glücklicher Erinnerungen um mich zu haben, wenn auch
überschattet von Trauer. Ich kam gut voran, bis eine scheinbar kleine
Motorstörung eine ziemlich harte Übung in Einhand-Seemannschaft erforderte,
um Bella Bella zu erreichen, ein etwa 20 sm entferntes Siedlungsgebiet. Der
Einsatz war mein Glück.
Der Beginn des Abenteuers Bella Bella sieht viel
schlimmer aus als er war. Stinkflaute, ganz leichter Tidenstrich. Motor
wollte nicht. Die fallende Tide setzte das Schiff gaaaanz ruhig, ohne einen
Bumms auf glatte runde Felsen. Kein Schaden, nur viel Arbeit: Dinghy
klarmachen, komplett Ankergeschirr ausfahren und setzen, steigender Tide
freiwarpen und dann 20 sm mit dem Dinghy (2,5-PS-Motor) nach
Shearwater/Bella Bella schleppen. Glück gehabt: wenn während des Aufsitzens
Wind gekommen wäre . . .
Bella Bella heißt die ganze gegenan, obwohl das doch
eigentlich nur einen einziger, unbewohnbarer Felsen mit ein paar uralten
Gräbern ist. Nebenan auf Campbell Islands leben in Waglisla, das sich auch
Bella Bella nennt, an die 1600 Menschen, Indianer des Stammes der Seiltsuk
und gegenüber, getrennt durch eine Art großen Binnensee, liegt Benny Island
mit seinen 60 Menschen Shearwater, das nur ein paar "Seabus" erreichbar ist;
dafür ist dort dann auch das Postamt Bella Bella.
Verwirrend. Eine kuriose, indianische gewachsene
Ordnung weitab jeder städtischen Zivilisation, ohne Landverbindung nach
irgendwo. Zwei ähnliche Nachbarorte liegen 200 bis 250 sm in NW und SW; im
Übrigen ist die Gegend menschenleer. Es kommen aber viele Fischer durch. Die
brauchen Treibstoff, vielleicht etwas Proviant, mitunter Reparaturen und
auch schon mal medizinische Hilfe.
Es war mein Glück, dass ich dieses Zentrum erreichte,
wie klein und abgelegen es auch sein mag. Die frühere Marine-Werkstatt auf
Shearwater kümmerte sich um meinen Motor - mit ihrem eigenen Inseltempo, so
dass ich mich schon auf ein paar Tage warten einrichten mußte.
Es wurden Wochen und sogar Monate. Eines vergessenen
Tages hatte ich im Kaufladen der Reservation eingekauft und bezahlt, nahm
meine Tüten auf und schaute ohne Zwischenwahrnehmung in das lächelnde
Gesicht einer sehr runden indianischen Krankenschwester, die mit
chromblitzendem Gerät an mir rum maß. Was dazwischen lag, erfuhr ist erst
später nach und nach:
Herzinfarkt! Zufällig kaufte gerade ein Arzt des
örtlichen Krankenhäuschens Tomaten, zwei geschulte Helfer dabei und draußen
stand der Krankenwagen der Reservation. Um mich zurückzuholen fielen die
Drei so heftig über mich her, dass der gute Doktor hinterher meinte, sich
dafür entschuldigen zu müssen. Kleidung zerschnitten, meine Brust wund und
grün und blau geboxt und gedrückt; sie hatten sogar Sorge, mir eine Rippe
gebrochen zu haben. "Das tut mir ehrlich leid", meinte Dr. Henbast aus
Südafrika; schließlich hatte er mir doch nur das Leben gerettet . . .
Spezialbehandlung war da nicht möglich. Also flog mich
ein eilends herbei gefunkter Hubschrauber an die 600 Luft-km nach Vancouver
- an der Schulter eine kleine lederverzierte Adlerfeder von einem der
Indianer, die mich so "mißhandelt" hatten - und nach einer irre teuren
Woche, die mir weitgehend fehlt genau so zurück in
Reservationskrankenhäuschen. Bald ging es mir fast jeden Tag besser.
Und wieder fanden mich "Paten", liebe Menschen, die
sich um mich kümmerten. Mein Visum lief ab und ich meldete mich bei der
RCMP, der berühmten "Royal Canadien Mounted Police", der "Königlich
Kanadischen Berittenen Polizei". Sergeant Mel Petersen, ein schnurgerader,
großer, blonder Mann dänischer Herkunft, regelte meine Problem im
Fernlenkverfahren - und bestand nach dem allmählichen Auslaufen der
Krankenhauszeit darauf, dass ich in seinem Haus wohnte.
Die "Paten" Mel und Grace, denen er viel verdankte!
Diesem polizeilichen Befehl mußte ich wohl Folge
leisten. So fand ich mich plötzlich an Land, betreut von Grace, Mels
Freundin indianischer Herkunft, einer zierlichen exotischen Schönheit,
Ärztin am Krankenhäuschen, die ungeheuer schnell denkt und reagiert.
Mels Revier ist kaum kleiner als ganz
Nordrhein-Westfalen. Sein Hobby sind Computer. Er konnte nie genug kriegen
von de paar e-mails und Faxen wegen meiner Motorprobleme über seinen
heimischen und den Polizeicomputer, die ich ihm erst noch auf Deutsch
vorbuchstabieren mußte, bis sich ein drei Jahre uralter Wordprocessor fand,
auf dem ich selber klimpern konnte.
Dolle Sache! Wäre so was nicht auch ein sinnvoller
Fortschritt für mich? Ganz sicher. Mels überzeugende Begeisterung und die
Perfektion des Geschriebenen ließen bald Gedanken keimen, da nun endlich
voll einzusteigen, wie es ich für einen modernen Menschen geziemt;
schließlich hatte ich schon länger den Eindruck, mich elektronisch nur noch
mit Ur-Ur-Oma und -Opa vergleichen zu können, die weder schreiben noch lesen
konnten.
Doch dann sah ich wieder das skeptische Lächeln in
Dicks eisernem Gesicht. "Elektronik für Dich"? Du magst sie nicht. Sie ist
Dir zu teuer und zu kompliziert, kaum zu reparieren, empfindlich, schnell
überholt und hat allzu viel was Du nie brauchst. Hält 3 Jahre. Dann bezahlst
Du wohlmöglich dafür, es wegschmeißen zu dürfen." Trotzdem spielte gerade er
ja nur allzu gern mit allem Allerneuesten, aber dafür war er ja schließlich
auch Raketen-Ingenieur.
Also tippte ich auch nach dem Hinscheiden meiner alten
Dampfschreibmaschine von Heinz Dehler mit einer solchen, einem kompakten,
schweren Ungetüm. Das kam so:
Auch Kandier sind nicht alle brav. Aber die "RCMP
kriegt immer ihren Mann", wenn sie ihn kriegt, denn das Land ist weit und
dünn besiedelt. Damit dann alles seine ordentliche Ordnung hat, reisen
reisende Gerichte bis in die entlegendsten Ecken über denen die
"Spiegelei-Flagge" weht und verbreiten recht, Gesetz, Gerechtigkeit und
staatliche Hoheit und so, jeweils 1 Richter, 1 Rechtsanwalt und 1
Protokolleur. Vor Ort wohnen sie bei örtlichen Honoratioren und der RCMP;
wenn's´ mal nicht anders geht auch schon mal im Knast.
So kam eines Tages die Hohe Gerichtsbarkeit auch wieder
einmal über Bella Bella und "bei uns wohnte der Staatsanwalt. Die Gespräche
beim sündhaft teuren aber kanadischen Wein ("sintax" - "Sündensteuer") aus
dem kanadischen Weintal Okanagan-Valley waren hochinteressant und was ein
richtiges Staatsanwalt ist, der hört die Flöhe husten während er dem Gras
beim Wachsen zusieht, wie faszinierend seltsam er als konsequenter Mensch
des festen Landes, der Gesetze und des piekfeinen Benehmens ein leben wie
unser auch finden mag.
Da war dann auch mal von Schreiben die Rede und, sieh
mal einer kuck, einige Zeit später kam ein Polizei-Kurier mit einem
Polizei-Hubschrauber des Wegs, landete ungeplant und brachte mir dieses
Produkt solider alter Technik "mit freundlicher Empfehlung Seiner Ehrten des
Herrn Generalstaatsanwalts der Provinz British Columbia". Was damit
wohl schon getippt wurde....!?
So lief mein Alltag abwechslungsreich dahin. Doch Ursel
war dahinter noch immer allgegenwärtig, von ihrem leiben Lächeln voller
Bertrauen bis hin zum Finden etwa eines Wasserpumpen-Impellers in ihren
Listen und in Natura. Vor Verzweifelung schützt mich ein wenig eine
Grundeinstellung der Seefahrt: was war, das war, Ausdrücke wie "würde" und
"hätte" sind schlimmste Obszönitäten, was zählt, ist die vielleicht gerade
mal wieder vermasselte Gegenwart und was man daraus machen kann. Muß.
Dennoch hängt über allem auch heute noch ein Durcheinander von Gefühlen, vor
allem eine tiefe Gleichgültigkeit gegenüber allem, was von außen an mich
heran will. Mir ist alles egal.
Aber in den Büchsen vor meinem Fenster schwirren bunte
Kolibris so präzise um die violetten Blüten, dass sie den Saft saugen
können, auf den weit ausladenden zweigen der Riesentanne dahinter hocken
immer mal wieder mürrisch-stolze Adler und das alles vor einem Mittelgrund
weiten Wassers mit all seinen Stimmungen von glitzernd bis schäumend,
umsäumt von urbewaldeten Ufern und im fernen Hintergrund leuchtet bedecktes
Hochgebirge - reichlich Grund, leben zu wollen und das so voll, wie
überhaupt noch möglich.
So erholte ich mich doch bald, wenn auch kaum schneller
als VAGANTS Motor. Aber eines trüben Tages kehrte er an Bord zurück, sprang
auf Knopfdruck an, lief wie ein Einzylinder nur ablaufen kann und lud nach
einigen kopfzerbrechenden Mühen sogar die Batterie; nun konnte ich in
wenigen tagen WIRKLICH auslaufen. Nur noch eine kleine Probefahrt. nach drei
Stunden fröhlichen Schnurrens durch ein wunderschönes Schärengebiet fand ich
einen wuuuuunderschönen Ankerplatz. Noch während die Kette ausrauschte blieb
der Motor stehen. Von selbst.
Und seitdem hat er nicht mehr gelaufen. Mit dem
2,5-PS-ler Außenborder des Dinghys an einer neuen Nothalterung kehrte ich am
nächsten Tag zur Basis zurück. Kofschütteln. Neues Werkeln. Motor wieder
ausgebaut und völlig zerlegt. Ersatzteile bestellt. Naßkalt. Mit einmal
wurde mir so seltsam fröstelnd zumute, so müde und mein Atem ging schwer.
Zum Arzt. Schon wieder?
Lungenentzündung. Bettruhe. Pillen. Wichtige teile für
den Motor waren nicht mehr zu bekommen. Zu alt. Atemnot. Briefe, Faxe und
Telefonate über ganz Europa und Amerika. Kein Erfolg; nicht einmal Absagen.
Stärkere Atemnot. Al, de große Meister der Werkstatt schüttelte seinen
erkahlenden Kopf und zog ratlos die Schultern hoch. Erstickender Husten. Die
TO-Krankenversicherung sträubte sich gegen die bisher schon sehr hohen
Rechnungen. Mehr Pillen. Rechtsanwalt. Noch stärkere Atemnot. Künstliche
Sauerstoffversorgung. Dahindämmern im Krankenhäuschen. Mehr Faxe und mühsame
Telefonate. Noch mehr Pillen. Ungute Gedanken über die Zukunftsaussichten
des Motors, der in der Werkstatt völlig zerlegt im Wege stand. Intravenöse
Medikamente. Schmerzhafte Hustenanfälle. Tiefpunkt ohnegleichen.
Aber dann, langsam, sehr langsam, kam ich wieder zu
mir. Das Wetter wurde sommerlich wärmer, der große Meister aller ungefähren
Technik versprach längst überfälliges aufs Neue und VAGANT gammelt am Steg,
drinnen wie draußen voller Unordnung und Dreck, kopfschüttelnd betrachtet
von piekfeinen Crews richtiger Yachten, die in zunehmender Zahl durchkamen.
Die Suche nach einer neuen oder gebrauchten Kurbelwelle
lief international intensiv weiter. Alle Kontakte versprachen Hoffnung -
nein, schnelle und problemlose Hilfe und dann . . . nichts mehr. Ich
mußte mich damit abfinden, dass der Motor in absehbarer Zeit nicht repariert
werden konnte oder gar erneuert werden mußte. VAGANTS Hilfsmotor war nun
wirklich ein solcher. 2,5 PS für 7 t Schiff. Erleichtert dass er mich nun
endlich los wurde, baute der große Meister Al noch eine alte Fernbedienung
dran und ich konnte davonbrausen; 3 kn Fahrt mit Anlauf bei
Stinkflaute sind schließlich auch etwas.
Aber VAGANT ist doch immerhin ein SEGELSCHIFF, obwohl
gerade das zu der Jahreszeit in der Gegend einige Probleme macht. Der Wind
in den unendlich weit verzweigten, oft sehr engen Kanälen und Fjorden ist
unstet. Die hohen berge ringsum lenken ihn kaum abschätzbar ab, an mancher
Stelle mit Wildwasserschwung. Da kommt man ohne einen ausreichenden Motor
nur mühsam voran, wenn überhaupt.
Und nun dazu noch allein? Auf meine alten Tage? Da
brauchte ich nicht viel nachzudenken, um meine Pläne zu ändern. Dieser Törn
konnte von nun an kein geruhsames Wandern von einem schönen Ankerplatz zum
anderen mehr sein. Ich schlüpfte aus dem traumhaften Inselgewirr nach
draußen und segelte die restlichen paar hundert Meilen nach Sitka über die
offene See.
Es wurde eine bollerige Seefahrt, die erste richtige in
meinem neuen Leben, aber sie bekam mir besser als all die Pillen, die weisen
Ratschläge der Ätzte, der routinierte Trost eifriger Schwestern und die
verdammte Bettruhe. Zwei Tage lang bekam ich es mit Kap. St. James zu tun,
der wilden, stolzen Südspitze der Queen Charlotte Islands, auf kanadisch
"The Tschortets":
Gleich dahinter war Rose Harbour eine Versuchung, eine
freche Siedlung von weniger als zehn vogelfreien Typen auf dem Gelände einer
alten Walfängerstation unter der praktischen Fuchtel Susans, Jüdin aus New
York, die ihren beiden, damals kleinen Söhnen unter Einsatz aller
Generatorleistung Computerwissen beibrachte. Sollte ich?
Später. Bestimmt. Nun schob mich gemeiner Tidenstrom
ein böses Stück in die tückische Hecate Strait zwischen den Charlottes und
dem zerklüfteten Festland. Dann gammelte ich in materialfressender Flaute in
Sicht arroganter Kaps und versuchte, mein unwilliges Motörchen zu bewegen,
sich wieder zu bewegen - eine vergebliche Aktion mit bedenklicher Akrobatik
auf VAGANTS tanzendem Heck.
Doch dann kam Wind auf, mehr als ich mir wünschte und
gegenan, aber endlich WIND, der uns wegtrug, bis von der bösen Küste nichts
mehr zu sehen war. Wir gelangten so schnell nach Norden, dass ich einen
Kreuzschlag zur Küste hin zu ein paar tagen fauler Ruhe im vertrauten Fjord
hinter dem düsteren Hippa Island nutzte, in einer geschützten Bucht voller
Erinnerungen; auf den Klippen draußen rosteten noch immer die Reste des
Buges der DARKSDALE, mit der gegen Ende der 40er Jahre mehr als 40 Menschen
starben, weil jemand so´n bißchen ungefähr navigiert hatte.
Von dort war es nicht mehr weit zu unserem letzten
gemeinsamen Ziel 53 Grad 55´Nord und 133 Grad 50´West, einer Seeposition im
Pazifik, etwa 30 sm westlich von Graham Island der nördlichen der Queen
Charlotte Insel. Dort begann mit unserer Kenterung 1987 ein ganz neuer
Lebensabschnitt für uns, wohl der vollkommenste, Unbeschwerteste und
glücklichste über 40 Jahre, die wir zusammen waren.
Beigedreht in 20 kn. (Bf 4-5) Nordwesttreibend nahm ich
am 21.7.2000 um 0215 Uhr Ortszeit Abschied von meiner Ursel. Es war
stockfinster und nieselte, aber meine Gedanken und Erinnerungen waren bei
aller Trauer hell, warm und freundlich, Lächeln unter Tränen...
Knapp drei Monate vorher!
Kurz danach drehte der Wind auf raumschots und frischte
auf. Damit ritten wir die restlichen Seemeilen schnell ab und standen genau
zu Beginn der kurzen Nacht dieser Breiten vor der felsenübersäten Einfahrt
nach Sitka, der ursprünglichen Hauptstadt Alaskas. Müde und überdreht wie
ich war, ließ ich uns einlaufen, wieder bei Stockfinsternis voll Niesel,
eine uralte Karte und Erinnerungen folgend; Radar außer Betrieb - "wird
schon gehen" - die schlimmste Gedankensünde bei solchem Tun. Es ging, aber
ein schlechtes Gewissen werde ich noch lange haben.
Sitka ist eine ganz normale Stadt mit etwa 8.000
Einwohnern. Sie liegt nur sehr weit abseits an der Westseite der rauen
Insel Baranof, die in ihrer gesamten Größe zum Stadtgebiet gehört und damit
zu einer der an Fläche größten Städte der Erde macht. Längs durch Sitka
läuft eine "Landstraße" von knapp 30 km Länge. An beiden Enden ist Schluß in
der Wildnis. - Haupterwerbszeige sind Fisch- und Touristenverarbeitung; die
von Holz ist in den letzten Jahren stark zurück gegangen.
Sitka ist also eine Stadt ohne Landverbindung nach
irgendwo. Da sehen meine paar kleinen Probleme zu Anfang
wirklich klein aus - nur wenn es zur Sache kam, lief mit einem Mal nichts
mehr. Nun muß ich auch den Rest dieses Törns mit der Behelfsmotorisierung
segeln. Da bin ich wirklich sehr gespannt wie es weiter geht, denn zum
Herbst hin will ich wieder im Süden sein, VAGANT soll auf Vancouver Island
überholt werden und ich plane, aus ähnlichen Gründen mal wieder nach
Deutschland zu fliegen.

Sitkas Mt. Edgecumbe ist ein ruhender Vulkan. Vor
Jahren stiftete Schlossermeister Porky, ein weithin bekanntes
Alaska-Original, seine Kumpane an, ihn mal so´n bißchen aufzuwecken. Sie
schnackten der Coastguard ein paar Hubscharuberübungsstunden ab, schafften
einen Haufen alter Autoreifen in den Krater und steckten ihn am 4. Juli an,
dem amerikanischen Nationalfeiertag. Die Brüder hatten das so geheimgehalten,
dass viele Leute in der Stadt noch lange von ihrem Entsetzen zehren konnten.
Gruß
Friedel