Bellingham, 15.8.1999

Liebe Freunde,
nun ist schon wieder so viel Zeit vergangen, daß ich
mich einfach mal melde. Es hat mich zutiefst bewegt, wie Viele mir aus
Deutschland und aller Welt geschrieben haben, auch ohne dass sie von mir die
Nachricht vom Tode meiner Ursel erhalten hatten. Das war überhaupt sehr
schwierig, denn ausgerechnet in den Tagen versagte unsere kleiner
Anschriften-Computer.
Nach schier endloser Zeit in Deutschland voller Arbeit
und Probleme ohne Ende, einer allzu kurzen reise durch das noch winterkalte
Land und unwürdigen Schwierigkeiten mit Ursels Urne, bin ich am 15.6. nach
Hause geflogen, zu VAGANT. Nun läuft das Schwerste, mich einzurichten für
ein Leben ohne Ursel.
Da dürfen noch lange nur praktische Überlegungen und
Zwänge gelten. Die viele unerledigte Post ist aber keinesfalls vergessen.
Ich kann einfach noch nicht so antworten, wie ich es gerne möchte. Bald.
Bestimmt!
Leider bin ich immer noch in Bellingham. Die Stadt ist
so lang hingestreut, daß es eine armselige Kreatur wie ich, die ohne Auto,
Telefon und Computer vor sich hin vegetiert schwer hat, überhaupt etwas zu
erledigen. Das nächste Einkaufszentrum „The Mall“ mit seinen Mammutläden
liegt zwar nur 10 Autominuten nebenan, für mein Klappfahrrad, zur Hälfte von
einer frisch erneuerten Hüfte betrieben, aber kaum näher als Deutschland.
Dort gibt es natürlich ALLES und noch mehr, sogar Lebensmittel und Feinkost
einer Auswahl, die schon fast die Hälfte einer kleinen REWE-Filiale
zuhause an der Ecke erreicht. Hier draußen könnte man glatt verhungern.
Trotzdem habe ich weder Lust noch Grund zum Meckern.
Als ich Ursels Sachen zusammengekramt hatte, um sie sinnvoll weg zu geben,
sackte ich erst einmal auf einen Tiefpunkt, an dem ich mir kaum noch
vorstellen konnte, wie es weiter gehen sollte. Doch dann wandte ich mich
wegen diesen Sachen an eine stattliche Einrichtung zur Betreuung von
Obdachlosen und Asozialen. Dort erkannten sie mich sofort als Fall, der
nicht nur das Anlegen einer Akte erforderte.
Seitdem kommt doch wenigstens einmal die Woche die eine
oder andere charmante aber fachkundige Dame vorbei, um nachzuschauen, wie es
mir geht, ja sogar zu prüfen, welche stattlichen Hilfen mir vielleicht
zustehen könnten und erstaunt bedauernd, daß ich keine brauche; schließlich
lebe ich hier ja unter Slum-Bedingungen.
Doch schon die routinierten aber einfühlsamen Gespräche
helfen und Christine, Seglerin und Leiterin dieses staatlichen Versuchs
einfacher Menschlichkeit hatte wohl den besten Gedanken: sie setzte eine
Patenfamilie auf mich an, freiwillige Helfer, eine Lehrerfamilie mit 2
Töchtern, Segler. Er, Delayne, ist sogar schon zweimal nach Hawaii gesegelt,
einmal davon sogar Einhand.
Die sind richtig lieb zu mir. Einkaufsfahrten,
Arztbesuche und technische Expeditionen mit Dads verstaubtem Pickup, Pams
300er Mercedes Turbo-Diesel, Tochter Dels verbeultem VW oder Töchterchen
Gels gelbem 57er Chevy in antikem Toppzustand. Schon soviel selbstbewusste
Weiblichkeit und strahlende Jugend neben mir helfen meinem Greisenwackelkopf
um mindestens 20 Grad höher. So viel Charme, Bein, Busen . . . Lachen . . .
und so . . .
Die Welt ist also immer noch schön, trotz der ersten
Wochen. Ganz ungewöhnlich mieses Wetter. Temperaturen zwischen 12 und 15
Grad. Regen, Niesel. Wind. Sturm. Als ich wieder an Bord kam, fand ich kein
der vorher so ausführlich besprochenen und von Deutschland aus noch einmal
bestätigten Arbeiten gemacht und was ich dann endlich in Gang bringen
wollte, ging gar nicht oder daneben. Durch ein Versehen zuhause kam die
erste Post erst jetzt, nach fast 8 Wochen. Seit Anfang bin ich schlecht
zurecht und brauche viel Ruhe; seit voriger Woche brauche ich ärztliche
Hilfe.
So schaffte ich zwischendurch nur eine kleine
Osmose-Behandlung mit großer Antifouling-Schmiererei hinterher und unter
Decke nehme ich immer noch unser Schiffchen ,mit seinen unzähligen
Besonderheiten gaaanz langsam und gründlich in Besitz. Das schafft natürlich
zunächst einmal eine formidable Unordnung, regelrechten „Zustand“. Ursel ist
allgegenwärtig und doch nicht da. Manchmal wundere ich mich weinend und
lachend zugleich über die für mich allzu weibliche aber praktisch
funktionierende Logik ihrer ausführlichen Bestands- und Staulisten. Dann
spüre ich sie besonders nah, lächelnd, „das war ich. Nun mach Du mal schön .
. .“
In der nächsten Woche hoffe ich endlich auslaufen zu
können. Dann geht´s erst nach Vancouver. Dort müsste bis dahin Ursels Urne
eingetroffen sein; eine traurige Geschichte für sich. Jetzt ist schon
August. An einem 4. Oktober sind wir vor Jahren „da oben“ gekentert.
September ist der unerbittlich späteste vernünftige Monat für einen kurzen
Vorstoß in den Norden. Also drücke ich mit aller Macht.
Freunde, habt noch ein bißchen Geduld mit mir. Ich
freue mich über jeden Brief, aber melden kann ich mich erst später.
Tach, ich spüre, daß ich allmählich wieder auftauche.
Gruß
Friedel