Bei jedem Gespräch über
unsere Reise werden wir gefragt: Habt Ihr mal Angst gehabt? - Wir möchten
dann am liebsten mit einem schlichten "ja" antworten, denn dieses kurze
Wort, mit ernster, wissender Miene gesprochen, klingt ja so ehrlich. Es
bringt Weltumsegler, die ja offenbar etwas ungewöhnliches tun, wieder auf
normales Maß - und zeigt zur gleichen Zeit, daß er doch ein wahrer Held ist,
der angesichts dreuender Gefahren mit schlotternden Knien und jagendem Puls
entschlossen gehandelt hat.
Leider ist es so einfach
nicht. Um das wirklich zu erklären, müßte zunächst einmal genau festgestellt
werden, was Angst überhaupt ist und dann auch noch, wie diese menschliche
Erscheinung bei unterschiedlichen Menschentypen auftritt. Das würde ein
ganzes Buch füllen. Versuchen wir deshalb einmal eine kurze Erklärung, bei
der freilich Verallgemeinerungen nicht auszuschließen sind:
Diese schlichte Antwort
mit ernstem Gesicht und scheuem Augenaufschlag leise gegeben, zeigt dem
ergriffenen Zuhörer, daß dieser kühne Weltumsegler zwar ein ganz normaler
Mensch ist - aber doch ein Held, der angesichts dreuender Gefahren mit
schlotternden Knien und jagendem Puls immer noch entschlossen gehandelt hat.
Ich habe mich im Krieg mit
klappernden Zähnen heulend in ein Loch verkrochen, als ich während eines
Urlaubs unter einen amerikanischen Bombenteppich geriet. - Und ich habe
eiskalt eine Granate nach der anderen ins Rohr geschoben und geschossen,
ohne eigentlich zu merken, was ich da tat. Diese so unterschiedlicher.
Reaktionen erkläre ich mir heute so: Im einen Fall hatte ich nichts zu tun
und als Urlauber ging mich das ganze ja gar nichts an.
Im anderen Fall aber
verdrängte der Krach und eingedrilltes Handeln einfach jedes Denken.
Wenn man die ewig lauernde
Aufmerksamkeit auf See hinzurechnet, die einen selbst im Schlaf nie verläßt,
und den Kloß, der im Halse hochsteigt, wenn einem bei forschem Einlaufen in
eine enge Riffdurchfahrt plötzlich bewußt wird, daß die Durchfahrt wirklich
eng und mit unsichtbaren Gefahren gespickt ist, dann haben wir oft Angst
gehabt. Aber ist das wirklich schon Angst, dieses lähmende Gefühl, das man
heldenhaft niederkämpfen muß? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, so sagt
man, und wäre er es nicht, dann wäre er wohl schon ausgestorben.
Wir möchten diese Frage
mit einer Gegenfrage beantworten:
Haben Sie Angst beim
Autofahren? Fürchtet sich der Bergmann unten vor Ort? Der Pilot in seiner
Maschine? Der Schornsteinfeger hoch oben auf einem Kamin? Der Sprengmeister
beim Umgang mit Dynamit? Der Löwenbändiger bei seiner Arbeit? - Sie alle
können mit ihren Tätigkeiten
in Frieden alt werden,
weil sie wissen, was sie da tun. Was aber würde ein Pilot in der Grube
empfinden? Der Löwenbändiger auf dem Kamin? Der Schornsteinfeger beim Umgang
mit Löwen?
Mancher fährt routiniert
Auto - und hat doch Angst vorm Fliegen, denn da begibt er sich in eine
Situation, die er als gefährlich empfindet. Dabei ist die Maschine technisch
wahrscheinlich sicherer als sein Auto und die Besatzung beherrscht das
Fliegen vielleicht besser als er je Autofahren gelernt hat.
"Du mußt die See kennen
und wissen, daß Du sie kennst und, daß sie dazu da ist, über sie hinüber
wegzusegeln." schrieb Yoshua Slocum schon vor fast hundert Jahren.
Und ein Sahara-Durchquerer
antwortete auf die Frage nach der Angst: "Wer da Angst hat, muß eben in den
Schwarzwald fahren!"
Und da kann er in eine
Schlucht fallen.
Haben Sie davor keine
Angst?